Apfelfpeil-Wagen

Die "Internationale Apfelfahrten Organisation" (IAO)

Der Werbeberater und Unternehmer Helmut Th. K. Rall tat sich u.a. 1948 als Gründer der "Vegetarier-Union Ebhausen" und Herausgeber der Zeitschrift "Vegetarisches Universum" hervor. Dabei bemerkte er die begrenzten kulinarischen Angebote für Anhänger dieser Lebensweis auf dem sich rasant entwickelnden Touristikmarkt. So begann er Ende der 1950er Jahre für diese Klientel selbst Busreisen anzubieten, die als Leserreisen im eigenen Blatt unter dem Namen "Apfelfahrten" beworben wurden. Auf Grund des wachsenden Erfolges, wurden die Reisen schon bald einem breiteren Publikum offeriert und 1969 die "Internationale Apfelfahrten Organisation Helmut Th. K. Rall" (IAO) mit Sitz in Freudenstadt-Grüntal gegründet. Die Söhne des Inhabers, Udo-Knut und Udomar Rall, wurden am Management beteiligt, die Unternehmensführung war Familiensache. Der Vertrieb erfolgte über Lokalzeitungen in Form von Leserreisen, die dort als Redaktionsbeiträge und nicht als gewöhnliche Werbung vorgestellt wurden. Dabei setzte man auf Blätter mit begrenzter Reichweite und einem hohem Anteil treuer Abonenten, so daß ein homogenes kulturell-regionales Identitätsgefühl angesprochen wurden. Geboten wurden betreute Touren, die einer reiseunerfahrenen Landbevölkerung ohne Fremdsprachenkenntnisse den Weg nach Italien, in die Schweiz und nach Skandinavien öffneten. Gereist wurde mit "Apfelpfeil" genannten Charterzügen, die eine Gruppengröße von 500 und mehr Teilnehmern ermöglichten.

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Ab 1974 stellte die IAO das Angebot auf Kreuzfahrten um, die deutlich größere Reisegruppen mit rund 1.000 Teilnehmern ermöglichten. Die Apfelpfeile dienten nun als Zubringerzüge und man investierte massiv in einen eigenen Wagenpark. Man dachte sogar daran, einen der beiden Bahnhöfe in Freudenstadt zu erwerben und nach dem eigenen Unternehmen zu benennen, was jedoch von der DB abgelehnt wurde. Die Kreuzfahrtreederei "Costa Crociere" (Linea 'C') in Genua wurde Exklusivpartner und stellte die Schiffe "EUGENIO C", "ENRICO C" und "FREDERICO C". Da die Mittelmeerkreuzfahrten nur in der warmen Jahreszeit möglich waren, wurden in den Wintermonaten Kreuzfahrten in der Karibik angeboten. Hier erfolgte die Anreise mit gecharterten Großraumjets der Typen Boeing 707 und Douglas DC 8. Das jährliche Umsatzpotential pro Schiff lag bei DM 100 Mio. Ab 1973 firmierte die IAO als "International Arrangements Organization GmbH & Co. KG". Man folgte weiter dem Vertriebskonzept der Leserreise, warb nun aber in großen Zeitungen. Das rundum sorglos Angebot der Kreuzfahrten erfreute sich großer Beliebtheit und brachte für einige Jahre beachtliche Gewinne. Dessen ungeachtet geriet die IAO in finanzielle Schwierigkeiten und mußte 1979 Insolvenz anmelden mit offenen Verbindlichkeiten von rund DM 20 Mio. Als Grund für das Scheitern des Unternehmens wurden die hohen Instandsetzungskosten für den Waggonpark genannt. Allerdings dürfte auch der patriarchalische Führungsstil des Inhabers einen Anteil gehabt haben: Laut den Erinnerungen einer Mitarbeiterin bestand der Chef u.a. darauf, jede Post persönlich zu öffnen. In seiner Abwesenheit wurden die Briefe eben gesammelt, ggf. in Wäschekörben. Anfang der 1980er Jahre versuchte man ein Comeback mit der "Apfelfahrten-Pressereisen Rall GmbH & Co KG" als Veranstalter und der "Apfelpfeil Betriebsgesellschaft Rall GmbH & Co KG" als Einsteller der Waggons. Beide Unternehmen hatten Ihren Sitz in Berlin. Geboten wurden ab 1984 Zubringerfahrten zu Seereisen und Schienenkreuzfahrten. Allerdings hatte sich das Reiseverhalten gewandelt und man konnte an die alten Erfolge nicht mehr anknüpfen. Zuletzt war das Unternehmen nur noch in der Schweiz aktiv und stellte 1989 den Betrieb endgültig ein.

Die Eigenheiten und Vorlieben des Inhabers machten die IAO zu einem außergewöhnlichen Unternehmen in der Reisebranche, was sich u.a. bei der Personalführung zeigte. So erhielten alle der rund 140 Mitarbeiter Rangbezeichnungen, die von der Struktur der Marine abgeleitet waren mit Helmuth Th. K. Rall als "Commodore" an der Spitze. Jeder war verpflichtet, eine schneeweiße Phantasieuniform zu tragen inkl. Rangabzeichen und einem roten Apfel als Kokarde an den Kopfbedeckung. Dabei ließen es sich die Mitglieder der Firmenleitung auch nicht nehmen, persönlich an den Kreuzfahrten in ihren karnevalesken Uniformen teilzunehmen. Beförderungen wurden auf der jährlichen Betriebsversammlung zelebriert, waren aber selten mit einer Gehaltserhöhung verbunden. Zum Corporate-Marketing gab es "Das Apfelfahrtenlied", vom Inhaber höchstselbst getextet, sowie den "Apfelmarsch". Beide Kompositionen waren nebst Ansprache und Begleitworten des "Chefs der IAO" auf 7"-Vinyl EP erhältlich. Bei allen Skurrilitäten fanden die Apfelfahrten ein begeistertes Publikum und das IAO-Serviceniveau blieb von späteren Anbietern unerreicht.


Der IAO-Fuhrpark

Anfänglich wurden die Apfelpfeilzüge aus angemieteten DB-Waggons zusammengestellt. Allerdings tat sich die DB schwer, das erforderliche Materal längerfristig zuzusagen und so beschloß die IAO den Aufbau eines eigenen Fuhrparks. Es wurden verschiedentlich Reisezugwagen aus 2. Hand erworben, die im Ausbesserungswerk Rastatt nach den Wünschen des Unternehmens eingerichtet wurden. Es handelte sich überwiegend um Fahrzeuge auf dem Standard UIC-Typ X mit einem Leichtbau-Wagenkasten aus Stahl. Die Waggons stammten aus dem TEE-Wagenpark der DB sowie aus den Beständen der "Deutsche Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft" (DSG) und der "Deutschen Bundespost" (DBP). Hinzu kamen Fahrzeuge des "United States Army Transportation Corps" (USATC). Am Ende zählte der IAO-Wagenpark 79 Fahrzeuge, von denen allerdings nicht alle betriebsfähig aufgearbeitet waren. Die Waggons wurden später als Teil der Konkursmasse versteigert, die 5 Aussichtswagen wurden vorab von dem schweizer "Reisebüro Mittelthurgau" übernommen.

Der IAO-Wagenpark bestand aus Liege-, Schlaf-, Speise-, Gesellschafts-, Club- Kino-, Dienst- und Gepäckwagen. Das Highlight waren dabei fraglos die 5 legendären ex DB Rheinpfeil-/Rheingold-Aussichtswagen ("Dome Cars"), bei denen die Höhe der Aussichtskanzel um 200 mm reduziert wurde um europäischen Lichtraumprofilen zu entsprechen. Die Fahrzeuge erschienen im hauseigenen Design der IAO mit den Seitenwänden in gelb und orangem Fensterband sowie einem weißem Dach. Die Seiten zierte ein blaues Band mit pfeilförmigen Enden und der Anschrift "Apfelfeil", in der Mitte war das Firmenlogo in Form eines roten Apfels platziert. Die Waggons aus USATC-Beständen behielten ihre Lackierung in Dunkelgrün, andere Wagen erschienen mit vollständig in Gelb. Ein typischer Apfelpfeil bestand aus mehr als 10 Waggons, zusammengestellt aus IAO-Wagen sowie angemieteten Sitz- und Liegewagen der DB. Preisbewußte Teilnehmer reisten im einfachen "Apfelpfeil" über Nacht im Liegewagen. Anspruchsvollere Kunden wählten dagegen den tagsüber verkehrenden "Apelpfeil-Spezial-Express" mit Salon- und Speisewagen inkl. Hotelübernachtung. Zahlreiche Stewarts und Hostessen sowie ein Bordarzt kümmerten sich um das Wohl der Gäste, ein Mitarbeiter im Sendewagen lieferte über die Lautsprecheranlage Informationen zur Fahrtroute und sorgte für ein musikalisches Begleitprogramm.

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ex Apfelpfeilwagen in Dänemark

In den 1980er Jahren fand eine größere Zahl gebrauchter Reisezugwagen aus Deutschland neue Eigentümer in Dänemark, darunter auch einige Waggons aus der Konkursmasse der IAO. Die Dienstzeit der vormaligen deutschen Reisezugwagen in Dänemark währte allerdings nur kurz, da die meisten bereits in den 1990er Jahren ausrangiert wurden. Einige fanden weitere Verwendung als Ausstellungswagen oder Lagerraum.

Sitz- und Liegewagen:
Die DSB erwarb 1982 und 1987 insgesamt 25 Liegewagen, von denen 16 aus IAO-Bestand stammten. Die Fahrzeuge wurden als Liegewagen neu eingerichtet uns als Gattungen Bcm und Bcm-o geführt. Zusätzlich wurden weitere 11 Wagen als Ersatzteilspender beschafft. Die gemeinschaftlich betriebenen "Odsherreds-" (OHJ) und "Tølløsebanen" (HTJ) erwarben 5 ex-IAO-Wagen, die alle als Großraumwagen neu eingerichtet wurden. Die Fahrzeuge erhielten die Betriebsnummern OHJ Bne 281 sowie OHJ Bm 282, OHJ Bn 283, OHJ Bnm 284 und HTJ Bn 72. 2 weitere Wagen wurden als Ersatzteilspender ohne Betriebsnummer beschafft.

Gepäckwagen:
Die DSB erwarb 1982/83 insgesamt 14 vormalige Bahnpostwagen der "Deutschen Bundespost", darunter 3 aus IAO-Bestand. Die Wagen wurden als Gepäckwagen Dm eingereiht.

Postwagen:
Die DSB erwarb 1983 und 1987 insgesamt 20 vormalige Bahnpostwagen der "Deutschen Bundespost", die als Bahnpostwagen der Gattungen Pm und Pbm eingereiht wurden. 19 weitere Wagen wurden als Ersatzteilspender ohne Betriebsnummer beschafft. Auch die "Odsherredsbanen" (OHJ) beschaffte einen ex-DBP-Wagen, der als OHJ DP 248 eingereiht wurde.

Bahndienstwagen:
Die DSB erwarb aus deutschen Beständen insgesamt 16 Reisezugwagen, darunter 3 vormalige IAO-Wagen, die als Bahndienstwagen mit unterschiedlichen Funktionen eingesetzt und entsprechend umgebaut wurden wie der Meßwagen DSB Målevogn 1.


Quellen:
Apfelpfeil: Werbematerial.
Bruun-Petersen, Jens & Poulsen, John (2006): 1981: "Apfelpfeil" - og andet brugtkøb i Tyskland. Jernbanehistorisk årbog '06: 44-64. Smørum: bane bøger.
Fiehweg, Ulrich (2021): Gescheiterte Wiederbelebung. Eisenbahn-Kurier 11/2021: 53.
Goette, Peter (2021): Die Apfelpfeil-Story. Eisenbahn-Kurier 11/2021: 48-52.
N.N. (2019): Erinnerungen an den "Apfelpfeil". Schwarzwälder Bote, www.schwarzwaelder-bote.de
Ortwein, Friedrich J. (2009): Seereisejahre. Eigenverlag, www.ortwein-koeln.de


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