Steckbrief DSB E 964-999


Der Chefkonstrukteur der Schwedischen Staatsbahn (SJ) Carl Flodin erhielt 1912 den Auftrag zum Entwurf einer neuen Schnellzuglok mit der Typbezeichnung "F". Als Vorbild diente die Klasse C der Württembergischen Staatsbahn, eine "Pacific" mit 2' C 1'-Achsfolge und Vierzylinder-Verbundtriebwerk. Charakteristische Merkmale der schwedischen Konstruktion waren das windschnittige Führerhaus mit Holzrahmen, die spitze Rauchkammertür sowie die geneigte Anordnung der Zylinder und außenliegende Drehgestellrahmen der Laufachsen. Der großzügig bemessene, genietete Tender war nach amerikanischem Vorbild als sogenannter "Semi-Vanderbilt"-Wannentender ausgelegt. Die Loks erhielten die Betriebsnummern F 1200-1209 und 1271.

Die erste Lok wurde 1914 von Nydqvist och Holm AB als F 1200 abgeliefert und eingehend erprobt. Dabei bewies sie exellente Laufeigenschaften und hohe Endgeschwindigkeiten, zeigte aber nur mäßige Anfahrleistungen auf Steigungen. Bis 1916 folgten zehn leicht geänderte Serienloks, die sich allgemein gut bewährten. Ab 1933 wurde die Reihe F wegen der fortschreitenden Elektrifizierung der SJ-Hauptstrecken abgestellt.

Mitte der 1930er Jahre stand die DSB vor der Aufgabe, neue Lokomotiven für schwere Schnellzüge zu beschaffen. Problematisch war, daß für die favorisierte Dieseltraktion keine Typen mit ausreichender Leistung verfügbar waren. Außerdem hatte sich die DSB 1926 verpflichtet, neue Loks grundsätzlich bei der Firma Frichs zu beauftragen, der man die erfolgreiche Konstruktion neuer Muster aber kaum zutraute. Umso willkommener kam daher das schwedische Angebot, die ausgemusterte Reihe F zum Schrottpreis zu übernehmen. 1937 kamen die Loks nach Dänemark und wurden zunächst in den kopenhagener Zentralwerkstätten der DSB aufgearbeitet. Die wesentlichen Änderungen lagen in der Verlagerung von Steuerung und Armaturen auf die rechte Kesselseite sowie den ganz in Stahl ausgeführten Führerhäusern. Darüber hinaus waren Anpassungen bei Lokschuppen und Versorgungseinrichtungen sowie der Bau von 20 m-Drehscheiben notwendig. Schließlich gingen alle Maschinen ab 1937 als DSB E 964-974 mit dem Spitznamen "Svenskerne" (die Schweden) in Dienst.

Mit der deutschen Besetzung Dänemarks 1940-45 und der damit verbundenen Treibstoffrationierung bei stark erhöhten Transportleistungen war die DSB gezwungen, kurzfristig die Zahl ihrer Dampfloks zu erhöhen. Als schnellste Lösung wurde der Nachbau bewährter Typen beschlossen, auch wenn es sich dabei schon lange nicht mehr um zeitgemäße Muster handelte. Von der Reihe E wurden 1940-47 in vier Losen insgesamt 25 Loks geordert, die als E II die Betriebsnummern E 975-999 erhielten. Gegenüber dem schwedischen Vorbild sind die E II am zusätzlichen Dom zur Dampftrocknung, an den vergrößerten Seitenfenstern des Führerhauses sowie durch den geschweißten Tender zu erkennen. Massive Mängel und Mißmanagement bei Frichs verzögerten die Auslieferung der Loks, E 999 wurde 1950 als letzte Frichs-Dampflok fertiggestellt. Nachträglich wurden 1948-51 die auf Seeland stationierten E 975-989 mit Doppelschorsteinen zur Verbesserung der Zugwirkung in der Rauchkammer ausgerüstet.

Die DSB Reihe E war in der öffentlichen Wahrnehmung die dänische Dampflok und tauchte u.a. als Werbemotiv in der Alltagsgrafik auf. In den 1950er und -60er Jahren waren die E landesweit allgegenwärtig vor Reise- und Güterzügen, bis sie durch die neuen Dieselloks verdrängt wurden. Der letzte Planeinsatz einer E erfolgte 1970. Als besondere Einsätze sind die Überführungen der königlichen Begräbniszüge 1972 und 2000 zu nennen. Diese ehrenvollen Aufgaben wurden in Doppeltraktion mit E 978 und E 994 bzw. mit E 991 und PR 908 durchgeführt. Wegen abgelaufener Kesselfristen wurde E 991 zum Ende des Jahres 2009 zur Revision abgestellt.


Museal erhaltene Fahrzeuge:
Sveriges Järnvägsmuseum, Gävle: SJ F 1200 (DSB E 964), SJ E 1202 (DSB E 966)
Danmarks Jernbanemuseum: DSB E 978, E 991, E 994
Struer Jernbanemuseum: E 987
International Railway Museum, Peterborough GB (Nene Valley Railway): DSB E 996


Technische Daten DSB E 964-999:
E 964-974 (E I) E 975-999 (E II)
Anzahl 11 25
Hersteller Nydqvist Frichs
Baujahre 1914-16 1942-50
Bauart, Steuerung 2' C 1' h4v, Heusinger 2' C 1' h4v, Heusinger
Länge über Puffer 21.300 mm 21.265 mm
Rostfläche 3,6 m² 3,6 m²
Verdampfungsheizfläche 189,3 m² 184,7 m²
Überhitzerfläche 63,6 m² 68,0 m²
Kesselüberdruck 13 atm 13 atm
Hoch- / Niederdruckzylinder-Ø 420 mm / 630 mm 420 mm / 630 mm
Kolbenhub 660 mm 660 mm
Treib- und Kuppelrad-Ø 1.886 mm 1.896 mm
Laufrad-Ø vorn / hinten 984 mm / 1.112 mm 984 mm / 1.112 mm
indizierte Leistung 1.350 PS 1.370 PS
Zugkraft 8.980 t 8.980 t
Höchstgeschwindigkeit 110 km/h 110 km/h
Dienst- / Reibungsgewicht der Lok 87,0 t / 48,0 t 88,4 t / 54,0 t
Tender: Achsfolge / Dienstgewicht 2' 2' / 55,0 t 2' 2' / 55,2 t
Vorrat: Wasser / Kohle 21,0 m³ / 6,5 t 25,0 m³ / 6,5 t



Abbildungen:

E I:

DK1709 DK1710 DK2464 DK2463


E II:

DK1711 DK2465 DK2466


E 994, Danmarks Jernbanemuseum:

DK4042 DK4043 DK4044


E 991, DSB Museumstog:

DK1704 DK1706 DK1708


Königliche Begräbnisse:

Seine Majestät, König Frederik IX von Dänemark, starb im Januar 1972. Er hatte ausdrücklich verfügt mit Dampftraktion nach Roskilde überführt zu werden. Als 2000 seine Witwe Königin Ingrid verstarb, wurde ebenso verfahren. Die Domkirche von Roskilde ist traditionell die letzte Ruhestätte der dänischen Monarchen.

DK3171 DK3170


SJ F 1200 (ex DSB E 966):

DSB E 966 wurde 1999 an die SJ übergeben und in den Ursprungszustand als SJ F 1200 betriebsfähig zurückgebaut.

DK2910 DK2911 DK2912 DK2898 DK2899


Denkmallok DSB E 978 in Fredericia:

DSB E 978 wurde vom Tuborg Fond 1977 als Monument gestiftet. Die Lok wurde nahe dem Mahnmal der gefallenen Eisenbahner am Bahnhof in Fredericia aufgestellt und liebevoll von ehrenamtlichen Enthusiasten gepflegt. Im Oktober 2007 wurde E 978 wegen eines Bauvorhabens von ihrem Standort entfernt. Nach Pressemeldungen um eine mögliche Verschrottung, erklärte im Oktober 2008 das Dänische Eisenbahnmuseum in Odense seine Bereitschaft zur Übernahme der Maschine und deponierte letztere zum Jahreswechsel 2009 im Depot Randers. Die folgenden Bilder entstanden im Mai 2007 am Bahnhof von Fredericia.

DK2544 DK2545 DK2546 DK2547


DSB E in der Alltagsgrafik:

DK1697


Zum Verbleib der einzelnen Loks s. Fahrzeugliste


Quellen:
Andersen, Torben (2000): DSB litra E. Lokomotivet 63: 34-40.
Andersen, Torben (2004): Dansk Jernbanehistorie 1. Næstved: Lokomotivet´s forlag.
Bay, William (1977): Danmarks damplokomotiver. Herluf Andersens Forlag.
Christensen, Lars: DSB litra E c/o Jernbanen.dk. www.jernbanen.dk
Dresler, Steffen (2006): DSB litra E. Særkrift nr. 27, Lokomotivets forlag. Dieses Buch ist online verfügbar
Nørgaard Olesen, Thomas (2005): Lokomotivfabrikken Frichs. København: Dansk Jernbane Klub.
Voldmester, Vilhelm (1948): Damplokomotivet og dets betjening: Lærebog for Lokomotivpersonalet. 4. Udg., Bd. I-II. København: S. L. Møllers bogtrykkeri.


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